28/04/2010 08:58 Publié dans Le Journal (notes quotidiennes) | Lien permanent | Commentaires (0)

Deutschschweizer- Volk ohne Sprache

 

Deutschschweizer – Volk ohne Sprache

Für den grünen Nationalrat Antonio Hodgers ist der Vormarsch der Dialekte in der deutschen Schweiz zum nationalen Problem geworden. Der Genfer ist vorübergehend nach Bern gezogen, um sein Deutsch aufzubessern, stellte aber fest, dass man zwar leicht über den Röstigraben springen kann, gleich dahinter aber auf eine hermetische Dialektbarriere stösst. Hochdeutsch sprechen die Berner mit den Welschen nur aus Höflichkeit, aber meist nur fünf Minuten. Bärndütsch versteht ein Genfer nicht, trotz sieben Jahren Deutschunterricht.

Antonio Hodgers meint, man müsse zum besseren Verständnis unter Eidgenossen eventuell eine einzige Sprache zur allgemein gültigen Landessprache machen, Schweizerdeutsch, Romanisch ( !) oder Englisch. Oder die Deutschschweizer müssten Schwyzertütsch auf die Privatsphäre reduzieren und im öffentlichen Bereich nur noch Hochdeutsch sprechen.  Man sollte über das Problem sprechen, « solange wir uns noch verstehen in der Schweiz », schreibt Hodgers in einem in der NZZ am Sonntag publizierten Text, der grosse Wellen warf, vor allem in der Westschweiz, wo tatsächlich viele Menschen seine Frustration teilen.

Ich kann ihm nur antworten : wer auf nationaler Ebene reüssieren will, muss heute Deutsch UND Schweizerdeutsch verstehen.  Die jüngst erhobene Forderung der Walliser Jungliberalen, vermehrt Sprachaufenthalte im andern Landesteil zu organisieren, kann man nur voll unterstützen. Jeder junge Westschweizer sollte mehrer Monate in der deutschen Schweiz verbringen. Es ist völlig illusorisch, von der Mehrheit zu fordern, vermehrt  Hochdeutsch zu sprechen, nur um den Westschweizern oder Ausländern einen Gefallen zu erweisen.

Trotzdem, meine ich, sollten die Deutschschweizer ihr Verhältnis zur deutschen Sprache ernsthaft überprüfen. Aus eigenem Interesse. Sie werden nämlich langsam zum Volk ohne  Sprache.  Sie sprechen Dialekte, die sprachlich verwildert sind. Und sie vernachlässigen sträflich den Gebrauch ihrer Schriftsprache. 

Zum Dialekt : Was in Frankreich oder Deutschland als Privatsache betrachtet wird, als Intim- oder Babysprache für den familiären Gebrauch, wird in der deutschen Schweiz regelrecht  gefördert,  auch im öffentlichen Bereich. Die elektronischen SRG-Medien, die sich «Idée Suisse» nennen, aber nichts tun für diese Idee, tragen massiv zur Erhaltung des sprachlichen Réduitdenkens bei : in Nachäffung der privaten lokalen Konkurrenz, wo der Dialekt noch Sinn macht, pflegen sie immer mehr die Dialekte. In mehr als 60 Prozent der Informationssendungen – selbst beim für Touristen so wichtigen Wetter - wird Dialekt gesprochen.

Aber was für Dialekte ? Ein Chuderwälsch, ein fehlerhaftes Mischmasch, das weit entfernt ist von einer richtigen Sprache, amüsant zum Zuhören für gebildete Menschen (mit Humor), aber unverständlich – und vor allem nicht lernbar - für Welsche.  Bei der Zürcher Jugend macht sich zurzeit ein Dialekt breit, den man Zürialbanisch nennen könnte. Er besteht aus einem beschränkten Züritütsch-Vokabular und imitiert in Rythmus und Betonung  « voll krass » die balkanischen Sprachen.  

Die gleiche Jugend lernt in der Schule brav Hochdeutsch, wendet die Sprache aber später nie mehr an. Sie schreibt ihre SMS’ in einem Idiom, das es nur auf Handys gibt. Und weil Hochdeutsch kaum  gepflegt wird, haben selbst Erwachsene Mühe mit dem mündlichen Ausdruck. Kürzlich habe ich einer Präsentation beigewohnt, wo ein Zürcher Kadermann etwas auf Hochdeutsch erklären musste. Er fiel jeweils nach wenigen Worten in den Dialekt zurück.   

Niemand will die Dialekte abschaffen, sie sind gemütlich, heimelig und für den Hausgebrauch praktisch. Das Problem sind nicht die Dialekte. Das Problem ist die Unfähigkeit der Deutschschweizer, Hochdeutsch zu sprechen, die auf einer tiefen Abneigung gegenüber dem Hochdeutschen beruht. Viele sehen darin eine Nachwirkung vom letzten Weltkrieg : Hochdeutsch war die Sprache der Nazis. Aber es war noch länger die Sprache von Goethe und Schiller… Die innere Ablehnung der deutschen Sprache hat heute etwas Pathologisches, das eigentlich nach kollektiver Therapie ruft.

Helfen könnte vielleicht eine voluntaristische Sprachpolitik des Bundes, die, wie es Antonio Hodgers vorschlägt, eine klare Grenze zieht : Dialektgebrauch fürs Private, den Stammtisch und die Folklore, Hochdeutsch für Schulen, Parlamente, Informationssendungen und überall dort, wo man nicht demonstrativ «en famille» bleiben will.

Eine gezielte Förderung des Gebrauchs der deutschen Sprache (der richtigen!) würde allen nützen, den Deutschschweizern wie den sprachlichen Minderheiten. Wenn nichts geschieht, heisst unsere erste Landessprache schon bald Englisch. Die kommt dann von selbst ins Haus, ohne Sprachpolitik. Wäre krass. Aber why not? Lieber Englisch als gar keine richtige Sprache.

Peter Rothenbühler

Texte paru dans NZZ am Sonntag, édition du 18 avril 2010

 

     

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