25/05/2010 08:44 Publié dans Sonntagszeitung Kolumne | Lien permanent | Commentaires (0)

Liebe Nora Illi

Liebe Nora Illi,

Zuerst hielt ich Sie für einen Werbe-Scherz von Kurt Illi (zur Gewinnung saudischer Touristinnen). Aber Ihr Titel «Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats Schweiz» signalisiert Wichtigeres. Wenn auch nicht viel dahinter steckt, wie man in Muslim- Kreisen erfährt. Die gehen eher auf Distanz: «Konver- titin, Ex-Punk, redet anstelle des Mannes, keine von uns». Aber für ernste Interviews über die Burka sind Sie natürlich die ideale Gesprächspartnerin, inklusive Gaffertest und Fotos. Die Frage ist nur, wem das nützt.

Mit Ihrer schwarzen Niqab – Totalverhüllung mit Augenschlitz – sehen Sie wirklich aus wie das leib- haftige SVP-Plakat. Zufällig sah ich am Tag, als Sie gross in der Zeitung waren, dort auch die Starletts von Cannes, ganz klein. Und fragte mich, was gottgefälliger ist: der Mensch, wie Gott ihn schuf – oder total verhüllt? Feigenblatt oder Niqab? Und dachte: Die Extreme gleichen sich. Wer völlig enthüllt oder völlig verhüllt posiert, tut im Prinzip dasselbe: Er stellt sich zur Schau mit der Absicht, wilde Fantasien zu nähren. In beiden Fällen wird die Frau nicht als Mensch gezeigt, sondern als potenzielle (Sex-)Bombe.

Übrigens: Ich halte Sie für ungefährlich. Als Tochter eines Psychotherapeuten und einer Sozialarbeiterin geht es Ihnen vermutlich eher darum, den Eltern zu missfallen, als Allah zu gefallen. Man nennt das verlängerte pubertäre Krise. Keine Sorge: Das geht vorbei.

Freundliche Grüsse, Peter Rothenbühler

«Es geht eher darum, den Eltern zu missfallen, als Allah zu gefallen»

 

Paru dans "Sonntagszeitung", le 23 mai 2010

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