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Hayek - Picasso der Uhrenwelt

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ABSCHIED
Picasso der Uhrenwelt

VON PETER ROTHENBÜHLER

Er erfand die Swatch und den Smart. Vergangene Woche starb NICOLAS G. HAYEK überraschend in seinem Büro in Biel. Der Uhrenkönig war einer der grossen Unternehmer der Schweiz. Nachruf auf einen Künstler und Querdenker, Rebell und Menschenfänger.

Nie werde ich mein erstes Telefongespräch und mein erstes Rendez-vous mit Nicolas G. Hayek vergessen. Sie gaben mir den Schlüssel zum Verständnis dieser einmaligen Persönlichkeit. «Du musst ihn am Samstagmorgen anrufen», sagte mir ein Freund, «er sitzt zu Hause und telefoniert in der Welt herum.» Es war kurz nach den ersten sensationellen Erfolgen der Swatch in den 80er-Jahren, ich war Chefredaktor und hatte mir vorgenommen, jede Woche mit einem prominenten Schweizer einen Spaziergang zu machen.

«Mit mir können Sie zweimal um den Swimmingpool herumgehen. Mehr gibts nicht. Verstehen Sie?», sagte er ganz leise. Sein Tonfall lag irgendwo zwischen Überdruss und freundlicher Belehrung eines Volltrottels. Dann hat er plötzlich aufgehängt, ohne zu grüssen.

Ich beschwerte mich beim Freund: «Der hat mir einfach das Telefon aufgehängt.» Ich konnte ja damals noch nicht wissen, dass Hayek auch so aufhängen würde, wenn er den Papst am Draht hätte …

Am Samstagabend war ich grad beim Spaghettikochen, da klingelt mein Telefon: «Hayek, ich sei nicht nett gewesen mit Ihnen», brummt er ins Telefon, «tut mir leid. Kommen Sie am Dienstag in mein Büro, um zehn, Dreikönigstrasse, geht das?» Ich kann gerade noch Ja sagen, da hat er schon wieder aufgehängt, ohne Gruss. Was, Hayek entschuldigt sich bei mir, dem jungen Chefredaktor? Sensationell.

In seinem Büro dann «Hayek live». Mein erster Eindruck: Der Mann will dich gewinnen. Und es wird ihm gelingen. Hayek nimmt sich Zeit. Er will wissen, wie es der Familie geht, wer mein Vater sei. Dann erklärt er mir die Uhrenwelt. Liebenswürdig wie ein guter Lehrer. Immer wieder fragt er: «Verschtönnt Si?» Überzeugend, engagiert, charmant. Aber mit seinem Äusseren, mit seiner Körperhaltung signalisiert er noch etwas anderes. Seine Körpersprache sagt: «Ich bin, wie ich bin, und wenn es Ihnen nicht passt, können Sie gehen!»

Das Hemd ist unter der Krawatte aufgeknöpft, die Hemdsärmel unordentlich aufgerollt, die Tabakpfeife in einem seltsamen Täschli, Frisur, Bart und Koteletten der Albtraum jedes Coiffeurs. Dazu trägt er Uhren an jedem Handgelenk, und dann diese dicke Zigarre!

Schlechter Geschmack? Sicher nicht! Als Swatch-Boss musste der Mann täglich ästhetische Entscheide treffen. Nein, es war Verweigerung. Die Rebellion gegen Anpassung. Das können sich vestimentär nur Leute wie Albert Einstein leisten oder Fiat-Retter (Pullover-) Sergio Marchionne. Oder eben Hayek. Die Genies halt. Natürlich wollte er gefallen, aber nicht mit Äusserlichkeiten.

In seinem Büro, wo es von allerlei Souvenirs und Nippes wimmelt, zeichnet er mir die berühmte Pyramide auf eine Wandtafel: ganz oben die schmale Spitze der Luxusuhren, in der Mitte das breitere Segment der Tissot, Certina, Mido, Longines und ganz unten die Masse der Billiguhren, die Swatch. Dieses Fundament sei von den Japanern angegriffen worden, beinahe sei die ganze Pyramide eingestürzt. Und jetzt werde alles anders. Mit der Swatch. Alles Weitere kennen wir, es wurde in den letzten Tagen ausgiebig gewürdigt.

Von einer privaten Reportage wollte Hayek nichts wissen, er sei Berater und Unternehmer und Philosoph, alles andere gehe niemanden etwas an, sagte er mir.

Hayek ist … sorry, ich kann noch nicht sagen «er war». Er hat dieses Unsterbliche der Figuren, die schon zu Lebzeiten eine Legende sind. «Retter der Uhrenindustrie», «Vorzeige-Unternehmer», «Visionär», «Querdenker». Seine Verdienste, seine Qualitäten als Unternehmer sind enorm, er hat grosse Werte geschaffen, die bleiben.

Über den Menschen Hayek kann man sich wunderbar streiten. Und vor allem Anekdoten erzählen. Ein genialer, erfolgreicher, aber schrecklicher Patron sei er gewesen, sagen die einen, «Teile und herrsche» sein Führungsprinzip. Er habe die Leute gegeneinander aufgewiegelt, er habe immer die besten Topmanager vergrätzt, aus Angst vor innerer Konkurrenz. Wenn Sonnenkönig Louis XIV sagte: «L’Etat, c’est moi», dann gilt für Hayek: «Swatch, c’est moi.» Andere sagen, er sei der einzige Chef, der immer für alle da war. Und wieder andere sagen, er war leider zu oft für alles da: Er habe sich in alles eingemischt, alles infrage gestellt, ohne Respekt vor Abläufen.

Einer der vielen Omega-Generaldirektoren erzählte, wie er vom Tennisplatz in Südfrankreich aus anrief, er spiele gerade mit Jean-Paul Belmondo eine Partie, der habe so eine Uhr mit einem zweiten Zifferblatt im Armband, warum man das nicht auch mache.

Der Direktor antwortete ihm freundlich, er sei gerade mitten in einer Sitzung und das Modell hätte man geplant, aber es sei von Hayek selbst verworfen worden. «Dann prüfen Sie es nochmals, Belmondo ist begeistert.» So ging das immer. Die Direktoren mussten nach seiner Pfeife tanzen.

Und antanzen.

Einmal sassen wir zu zweit beim Essen in seinem Büro, er hatte ein grosses, weisses Telefon mit runder Wählscheibe rechts, direkt neben seinem Teller. Ich erzählte ihm nebenbei, dass ein Journalist der Schweizer Illustrierten nicht gerade freundlich empfangen worden sei von einem seiner Generaldirektoren. Hayek nimmt das Telefon, ruft den Direktor an und bittet ihn, sofort herzukommen. Ich flehe ihn an: «Nein, machen Sie das nicht, ich will das nicht, das ist mir peinlich.»

Er hört nicht zu. Der Mann muss zwanzig Kilometer fahren, um in meiner Gegenwart zu hören, dass er die Presse besser behandeln solle. Der Direktor ist noch heute an der Spitze seiner Marke und ein grosser Fan von Hayek.

Handkehrum konnte Hayek Journalisten, die etwas Kritisches über sein Unternehmen schrieben, mit Verachtung und Liebesentzug strafen. Genehme Journalisten wurden direkt durchgestellt, nicht genehme bekamen ihn nicht mehr ans Telefon. Ich war abwechselnd genehm und nicht genehm.

Konnte es anders sein? Hayek war der Motor, das Gewissen, die Firma selbst, mit Leib und Seele, mit der ganzen Familie, mit dem ganzen Vermögen. Er war ein «Papa Poule», ein Löwenvater, einer, der brüllt und zubeisst, wenn seine Meute angegriffen wird. Viele Firmen können von einem solchen Patron, auf den sich die Firma immer verlassen kann, nur träumen.

Eines Tages bestellte Bundeskanzler Gerhard Schröder Hayek nach Berlin ins Kanzleramt, zu einem Vieraugengespräch. Sein Innenminister Otto Schily hatte Hayek in Zürich getroffen und Schröder erzählt: «Den musst du treffen, der wird dir guttun.» Schröder, von Wirtschaftssorgen geplagt, war begeistert: «Endlich mal ein Unternehmer, der einen ganzen Abend lang nicht jammert, ein Lichtblick.» Die beiden haben bis tief in die Nacht zusammen getrunken, philosophiert und Zigarren gepafft.

Hayek war ein grosser Aufsteller. Ein Guru. Er hätte schon mit siebzig nur noch Vorträge halten können, weltweit, aber das interessierte ihn nicht. Er schlug Hunderte von Einladungen aus. Wollte lieber jeden Morgen am Steuer seines eigenen Autos (ohne Chauffeur) von Meisterschwanden in sein Bieler Büro fahren und zum Rechten schauen.

Um ihn richtig zu verstehen, brauchte man nur zu hören, was er von sich selbst sagte: Er fühle sich als Künstler, betrachte die Arbeit als Spiel, wolle sich die Neugier, die Spontanität eines Sechsjährigen bewahren. Picasso war sein Vorbild, nicht Henry Ford. Picasso hat gesagt, ein Künstler brauche viele Lehrjahre, bis er endlich so unbeschwert ans Werk gehen könne wie ein Sechsjähriger.

Hayek wollte der Picasso der Uhrenindustrie sein. Er ist es geworden. Wie viele Bücher gab es doch über Picasso, geschrieben von enttäuschten Frauen, die sich über den schwierigen, egozentrischen Charakterkopf ausgelassen haben? Viele. Aber sie sind heute vergessen. Inzwischen gilt Picasso als Heiliger, sein Werk als das Grösste.

Interviews mit Picasso konnten turbulent verlaufen, Interviews mit Hayek verliefen immer turbulent: «Noch so eine Frage, und ich schmeisse Sie raus!» Oder: «Wenn der Fotograf nicht sofort aufhört, nehme ich ihm die Kamera weg!» Junge Journalisten, die ihn zum ersten Mal erlebten, sind jeweils fürchterlich erschrocken. Doch es war halb so schlimm. Hayek war auch ein Spieler. Er spielte gerne den empörten, grummeligen Hayek. Aber regte sich sofort wieder ab. «Vergiss es!», sagte er, und es war vergessen.

Einmal lud er mich in sein Haus am Cap d’Antibes in Südfrankreich ein. Der Berater wollte meinen Rat, er fragte mich drei Stunden lang aus, bei Tee und Feingebäck. Kein Spaziergang um den Swimmingpool, nur reden. Ich weiss noch heute nicht, was er genau wollte.

Dort lernte ich auch seine Frau Marianne kennen, eine herzliche, aufmerksame, grosse, energische Frau, die immer gut zu ihrem Nicolas schaute. Bei ihr stimmt der Spruch «Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau».

Frau Hayek ist stark.

Ihr darf man jetzt ein grosses Dankeschön sagen. Denn sie hat den Mann, der die Uhrenindustrie gerettet hat, entdeckt, geheiratet, in die Schweiz gebracht und privat gecoacht. Sie hat alle heutigen Swatch-Group-Chefs auf die Welt gestellt oder aufgezogen, Sohn Nicolas, Tochter Nayla und Enkel Marc. Ihnen hat sie die Stärke vermittelt, im Schatten eines überlebensgrossen Vaters und Grossvaters ohne Komplexe aufzuwachsen. Papa Swatch ist tot. Lang leben Mama Swatch und ihre Kinder und Kindeskinder!

Der Journalist Peter Rothenbühler war Chefredaktor von «SonntagsBlick», «Schweizer Illustrierte» und «Le Matin». Er gehört heute zur Direktion von Edipresse SA in Lausanne. Er hat Nicolas G. Hayek seit der Lancierung der Swatch regelmässig getroffen, in Zürich, in Biel und in Südfrankreich.

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