18/04/2011 15:05 Publié dans Le Journal (notes quotidiennes) | Tags : paru dans la nzz am sonntag | Lien permanent | Commentaires (0)

Boom am Genfersee

Boom am Genfersee

Steinzeitliche Gegend mit 1 Million Einwohner

Die Waadtländer reiben sich die Augen. Ihr Kanton bald so gross wie das Millionen-Zürich ? Dabei gibt’s seit Jahren keine erschwingliche Wohnungen mehr, die Vorortszüge sind überfüllt, die Autobahn Genf-Lausanne permanent gestaut .

Fakt ist, dass im Kanton Waadt die Bevölkerung stärker wächst als in Zürich. Ein Viertel mehr Einwohner bis 2035, das prognostizieren die Statistiker von Kanton und  Bund. Eine Million Menschen werden also in einer Region leben, die der Genfer Politiker Patrice Mugny  vor drei Jahren noch  als «steinzeitlich  (rupestre)» bezeichnet hatte.

In der Tat hat die Waadt für urbane Genfer  immer noch das Image des pittoresken Weinbauernlandes. Lausanne ist in vielen Köpfen  immer noch der behäbige Marktflecken, den Charles-Ferdinand Ramuz so trefflich beschrieb. Dabei hat sich die Region zu einem heimlichen Riesen entwickelt, zu einer Grossagglomeration, die  dem Genferse entlang eine welsche Goldküste bildet, mit einer einmaligen Dichte von schicken Villen mit Seeanstoss.

Die Waadt ist Sitz von Firmen wie Nestle, Logitech, Cisco, Philip Morris, Tetrapack , Medtronic, Kudelski), Lausanne beherbergt neben dem CIO eine grössere Anzahl internationaler Sportverbände. Das moderne Vergnügungsquartier Le Flon zieht die Jugend aller umliegender Städte (auch Genf) an. 

Mit dem angekündigten Boom ist die Lösung der Infrastrukturprobleme so dringend geworden, dass  Behörden  plötzlich grösste Entschlossenheit zeigen, Engpässe in Sachen Verkehr und Wohnungen mit radikaleren Methoden anzupacken : SVP-Staatsrat Jean-Claude Mermoud hat diese Woche angekündigt, der Staat werde für die letzten Baulandreserven ein gesetzliches Kaufrecht der Gemeinden durchsetzen, wenn diese weiterhin dem Wohnungsbau entzogen bleiben sollten. Die Rechte droht mit Methoden der Linken !

Wenn man vergleicht, wie viele Krane in Zürich stehen und wieviele in Lausanne sieht man sofort : da gibt’s Aufholbedarf ! Von einem dritten Gleis zwischen Lausanne und Genf wird schon lange geredet,  das Tabu einer Verbreiterung der Autobahn Genf-Lausanne hat die Vizepräsidentin des Schweiezr Freisinns Isabelle Moret zu ihrem Wahlkampfthemen gemacht.

Warum so viele Leute gerade in die Waadt ziehen?  Das hat wenig mit dem Steuerfuss zu tun, wie man vermutet. Er ist Schweizer Durchschnitt. Nur eine kleine Minderheit reicher Zuzüger  profitiert von Steuerabkommen (insgesamt rund 1200 in der Waadt, Schweizer Rekord !). Es sind auch nicht nur die vielen  Arbeitsplätze, die renommierte Technische Hochschule (EPFL) und die Lausanner Kunstschule (ECAL), nicht nur die zahlreichen Start Ups in den Bereichen Bio-Technologie und Informatik, die im « Biotech-Valley » Waadt aus dem Boden schiessen.

Die Anziehungskraft  des Léman-Beckens ist und bleibt einfach die Schönheit der Landschaft. Alpen,  Mittelland, See, Rebberg und Jura, alle Schönheiten der Schweiz in einem einzigen Kanton zusammengefasst, das ist einmalig. Es sind auch die Menschen und  ihre Mentalität.  Im Waadtland herrscht –selbst im Winter - eine Art kalifornisches Lebensgefühl der Leichtigkeit. Als der Autor dieser Zeilen in den siebziger Jahren erstmals ein paar Jahr in Lausanne wohnte und sich in die Gegend verliebte, setzte er alles daran, so schnell wie möglich wieder wegzukommen. Er fühlte sich zu jung, um definitiv in einem Kurort  zu leben und zog nach Zürich.

Lausanne hat ein Klima wie das Tessin (Montreux hat ebenso viele Sonnentage wie Lugano), die Umgebung lädt dauernd zum Skifahren, Baden oder Promenieren oder/und zum Trinken eines Zweierli Weissweins im gigantischen Rebberg mit Blick auf den schönen See. Im Alter lässt sich solches besser ertragen.

 Wenn wir schon beim Rühmen sind. Die unversehrte Landschaft von  Lavaux verdanken wir ausgerechnet einem Basler : Hätte Franz Weber nicht eine Volksinitiative zum Schutz dieses Unesco-Welterbes lanciert, wäre der Rebberg heute ein wüster Villenhügel. Ein anderer Deutschschweizer hat Montreux weltweit zum  Inbegriff für Jazz an der Sonne gemacht : Claude Nobs. Und der Freiburger Patrick Aebischer macht zurzeit aus der renommierten ETH Lausanne (EPFL) die zweitgrösste Stadt des Kantons, mit Wohnungen, Restaurants, Hotel, Kongresszentrum undsoweiter.   

Das Bevölkerungswachstum des Kantons Waadt hat natürlich auch viel mit dem internationalen Genf zu tun, wo UNO, IKRK, WHO, die Weltfirmen Du Pont,  Rolex, Vacherin Constantin, Rohstoffhändler, Banken, zugewanderte Hedgefunds und andere Firmen attraktive Arbeitsplätze bieten.

Der Leerwohnungsbestand in Genf ist aber irgendwo unter null, und dagegen wird nichts unternommen : Der reiche Stadtkanton verfolgt seit Jahren eine  Verdrängungs-Strategie.  Die schöne Landschaft im Genfer Hinterland wird total geschützt : zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt findet man herrliche, völlig unverbaute Weinbauerndörfern (wie Russin ,wo Jean Ziegler wohnt).  

In der Stadt möchte der bürgerlich dominierte Kanton nun wenigstens den Bau von Hochhäusern gestatten, doch die links-grüne Stadtregierung politisiert auf der Linie der fast vergessenen Zürcher Ex-Stadtpräsidentin Ursula Koch : die Stadt ist gebaut, jedes vernünftige Bau- und Renovationsprojekt wird mit administrativen Hindernissen, Einsprachen und exzessivem Mieterschutz behindert. Man wird in Genf leichter Hausbesetzer als Hausbesitzer.

Es gibt auf dieser Welt kaum eine andere reiche Stadt, die im Zentrum so viele verlotterte und verluderte Häuserfassaden hat. Die Stadt Genf ist heute rein äusserlich so sexy wie eine alte Lady im durchsichtigen Négligé.

Was macht aber Genf mit seiner jüngeren Generation und mit den  zahlreichen begüterten Zuzügern  ( Franzosen, zurzeit viele Japaner und Libyer, Russen, Chinesen)? Es exportiert sie seti  Jahrzehnten nach Frankreich oder ins Waadtland. Der massive Bevölkerungszuwachs und der total ausgetrocknete Wohnungsmarkt in der Region Nyon sind ein Genfer Produkt. Demografisch und witschaftlich wachsen die Kantone Waadt und Genf und die angrenzenden französischen Departemente  schon lange zusammen. Nur politisch und administrativ bleiben die Distanzen gross.   

Dies hat den visionären Waadtländer Staatrat Philippe Pidoux schon am 5. Juni 1977 ( !) dazu angeregt, in einem Artikel in der NZZ (und dem Journal de Genève) « Fusionieren wir die Kantone Waadt und Genf ! » auszurufen. Man müsse die riesigen anstehenden Infrastrukturprobleme endlich gemeinsam lösen.  « Kantonskonkordate eignen sich höchstens zur Regelung der Fischerei », pflegt er noch heute zu sagen.

Noch selten hat ein NZZ-Artikel  im Welschland derart heftige Debatten ausgelöst. Eine Volksinitiative für die Kantonsfusion wurde von der Bevölkerung haushoch (über 80%) abgelehnt,  der mutige Politiker hat vermutlich mit einem einzigen Zeitungsartikel  seine vorgezeichnete Karriere als Bundesrat verspielt !  

Heute beklagen sich auch politisch Verantwortliche des Pays de Gex (F , Genf schiebe  seine Probleme einfach ins Nachbarland ab. Die Behörden von Waadt, Genf und den benachbarten französischen Departement werden nicht darum herumkommen, auch ohne Fusion rasch neue Wege der effizienten Zusammenarbeit zu finden.

Sollten nämlich immer mehr Schweizer Bürger aus den immer teurer werdenden  Zentren verdrängt werden,  könnten ausländerfeindliche Parteien wie das Mouvement des Citoyen Genevois oder die SVP ihren Vormarsch in der Westschweiz nochmals beschleunigen. Nicht nur der Mittelstand muss heute ins Wallis oder nach Freiburg ausweichen. Die Financial Times hat vor geraumer Zeit auch umzugswilligen Financiers der City signalisiert, in Genf gebe es keine Wohnungen zu erschwinglichen Preisen mehr. Aber es gebe eine Ausweichmöglichkeit : nur eine Dreiviertel Stunde Flugzeit von Genf entfernt gebe es eine nette Stadt, die erhebliche Lebensqualität biete und erst noch mehr neue Wohnungen und Häuser : Die Stadt heisse Zürich. 

(Cet article a paru dans le NZZ am Sonntag, le 3 avril 2011)       

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