10/01/2011

Lieber Roger de Weck

Lieber Roger de Weck

 

Schade, dass in Ihren sieben Leitlinien für die SRG der wichtigste Punkt fehlt: Die Freiheit der SRG, ihr Programm zu gestalten, ohne sich von den Politikern dreinreden zu lassen. Sie erklären zwar trotzig: «Werbung darf das Angebot nicht bestimmen.» 


Ich frage Sie: Wann haben je VW oder Nestlé das Programm diktiert? Mutiger - aber gefährlicher für Sie - wäre der Satz gewesen: «Parteipräsidenten dürfen das Angebot nicht bestimmen.» Nicht mehr befehlen, wer an der «Arena» teilnehmen darf oder wer diese moderieren soll. Keine Zeitung lässt sich von ihren Inserenten so drangsalieren, wie es Politiker gegenüber der SRG in den letzten Jahren getan haben. Geradezu peinlich, wie dieser Tage wieder Politiker wissen wollten, wie sich die SRG gegenüber einer Kandidatin fürs Radio verhalten soll, die ein Kopftuch trägt.

Keiner hat gesagt: Das ist allein Sache der SRG. Geradezu lustig finde ich, wie Sie - zur Besänftigung aller Politiker - in Ihren Leitlinien betonen, dass bei der SRG (laut Verfassungsauftrag) die Debatten «zu versachlichen» seien. Da müssen Sie aber das Bild abschalten, mein Lieber! Erst das Fernsehen hat ja die Personifizierung, die «leibhaftige» Auseinandersetzung geschaffen, Menschen mit Emotionen in die gute Stube projiziert. Sie wissen so gut wie ich: «Unsachlich» findet ein Politiker eine Sendung immer nur dann, wenn er selbst nicht darin vorkommt. Übrigens: Wenns im Boulevard-Medium TV «zur Sache» geht, ist damit meistens Sex gemeint. Bis auf weiteres, jedenfalls.

Freundliche Grüsse

Peter Rothenbühler

 

Publiziert am 09.01.2011 in der Sonntasgszeitung

 

11/10/2010

Lieber Christoph Blocher

Kolumne

von Peter Rothenbühler

 

Lieber Christoph Blocher

 

Happy Birthday, und weiterhin ein erfolgreiches Leben! Sie feiern am Montag den Siebzigsten, auf Safari in Afrika, mit Ihrer lieben Silvia. Sie wollten keine grossen Feiern. «Vielleicht erst, wenn ich hundert werde», haben Sie im Blocher-TV gesagt. Sie können getrost Ferien machen, denn es läuft ja alles wie am Schnürchen zu Hause. Wer hätte je gedacht, dass ausgerechnet die grösste Schweizer Volkszeitung die Emotionen schüren würde für ein massives Ja zu Ihrer Ausschaffungsinitiative? Wer hätte je gedacht, dass selbst der Gegenvorschlag des Bundesrates zu Ihrer Initiative so radikal daherkommen würde, als wäre er auf Ihrem Mist gewachsen? Und wer hätte gewagt, vorauszusagen, dass die «Schweizer Illustrierte» als einzige Publikation Ihren Siebzigsten mit einer grossen Homestory feiern würde unter dem pathetischen Titel «Mensch Blocher» und der Würdigung als «wichtigster politischer Figur der Schweiz der letzten zwanzig Jahre». Verkehrte Welt, gell!

Ich verstehe, dass Sie jetzt ein bisschen gfürchige Wildnis brauchen, mit echten Raubtieren, die ums Zelt schleichen: Ich meine, für einen Blocher muss es doch hart sein, ausgerechnet von jenen Medien, die ihn jahrelang bitter bekämpft haben, plötzlich als altersmilder Alpöhi der Politik dargestellt zu werden. Nimmt mich nur wunder, wie Sie selbst diese wundersame Wandlung vom Teufel zum Menschen erleben. Aber vielleicht werden Sie ja in Afrika von einem Affen gebissen. Dann ist die Welt wieder in Ordnung! Viel Glück.

Herzlich, Peter Rothenbühler

 

Publiziert am 10.10.2010



25/05/2010

Liebe Nora Illi

Liebe Nora Illi,

Zuerst hielt ich Sie für einen Werbe-Scherz von Kurt Illi (zur Gewinnung saudischer Touristinnen). Aber Ihr Titel «Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats Schweiz» signalisiert Wichtigeres. Wenn auch nicht viel dahinter steckt, wie man in Muslim- Kreisen erfährt. Die gehen eher auf Distanz: «Konver- titin, Ex-Punk, redet anstelle des Mannes, keine von uns». Aber für ernste Interviews über die Burka sind Sie natürlich die ideale Gesprächspartnerin, inklusive Gaffertest und Fotos. Die Frage ist nur, wem das nützt.

Mit Ihrer schwarzen Niqab – Totalverhüllung mit Augenschlitz – sehen Sie wirklich aus wie das leib- haftige SVP-Plakat. Zufällig sah ich am Tag, als Sie gross in der Zeitung waren, dort auch die Starletts von Cannes, ganz klein. Und fragte mich, was gottgefälliger ist: der Mensch, wie Gott ihn schuf – oder total verhüllt? Feigenblatt oder Niqab? Und dachte: Die Extreme gleichen sich. Wer völlig enthüllt oder völlig verhüllt posiert, tut im Prinzip dasselbe: Er stellt sich zur Schau mit der Absicht, wilde Fantasien zu nähren. In beiden Fällen wird die Frau nicht als Mensch gezeigt, sondern als potenzielle (Sex-)Bombe.

Übrigens: Ich halte Sie für ungefährlich. Als Tochter eines Psychotherapeuten und einer Sozialarbeiterin geht es Ihnen vermutlich eher darum, den Eltern zu missfallen, als Allah zu gefallen. Man nennt das verlängerte pubertäre Krise. Keine Sorge: Das geht vorbei.

Freundliche Grüsse, Peter Rothenbühler

«Es geht eher darum, den Eltern zu missfallen, als Allah zu gefallen»

 

Paru dans "Sonntagszeitung", le 23 mai 2010

14/12/2009

Lieber Georg Kreis

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Peter Rothenbühler
Lieber Georg Kreis

Peter Rothenbühler

Sie haben das Talent, Dinge auf den Punkt zu bringen. Die Verachtung gewisser Eliten für das «dumme Volk» haben Sie im «Club» mit einem Satz auf die Spitze getrieben: Wenn eine SVP in den Dreissiger- jahren eine Initiative gegen die Juden lanciert hätte, hätte wohl auch eine Mehrheit zugestimmt. (So werden Sie von der NZZ zitiert). Als Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus sollten Sie wissen, was den Rassisten auszeichnet: Er verdächtigt ohne konkreten Anlass eine Volksgruppe pauschal der schlimmen Tat. Dass man das gar rückwirkend tun kann, ist Ihre persönliche Erfindung. Gratuliere.

Aber Spass beiseite: Was Sie da im Namen der Eidgenossenschaft rausgelassen haben, ist nicht nur eine Beleidigung der SVP, der Sie retrospektiv Antisemitismus unterstellen. Es ist eine Beschimpfung unserer Grosseltern, die sich nicht mehr wehren können. Meine Grossväter, beide einfache Männer des Volkes, mussten kotzen (ja, echt kotzen), wenn sie Hitlers Reden am Radio hörten, und ihren Kollegen – ob links oder rechts – ging es gleich. Hingegen gab es zahlreiche Offiziere, Bundesbeamte, Professoren und andere Leute aus besseren Kreisen, die den Sirenentönen des deutschen Antisemitismus nicht abhold waren. Ich will jetzt nicht behaupten, dass es – rein soziodemografisch gesehen – die gleichen gehobenen Kreise waren, die heute die Volksmehrheit für dumm und rassistisch verkaufen. Aber es könnte ja sein, nicht wahr, Herr Professor?

Freundliche Grüsse, Peter Rothenbühler

«Was Sie rausgelassen haben, ist eine Beschimpfung unserer Grosseltern»