24/01/2012

Genfereien

"Genf torkelt von einem Blödsinn zum nächsten»

Von Matthias Chapman. Aktualisiert um 08:54   (Article paru le 23 janvier dans "Newsnetz" du Tages Anzeiger)

Klüngelei, Rangelei und überforderte Politiker. Genf kommt derzeit nicht zur Ruhe und sorgt regelmässig für Schlagzeilen. Was ist eigentlich los in der Rhonestadt?

 

Es war in der vergangenen Sylvesternacht, als Mark Muller im Genfer Nachtclub «Moulin à Danses» einen Barman am Kragen packte. Und Muller war nicht irgendein Gast, es war der Herr Regierungsrat. Dass sich solches Benehmen für einen Magistraten nicht gehört, versteht sich von selbst. Und Muller selber sah das später auch so ein. Wie diese Genfer Episode zu Ende geht, ist noch offen – einen Rücktritt schloss Muller bisher aus. Die Geschichte aber steht symbolisch für eine Stadt, die derzeit nicht zur Ruhe kommt.

«Genf torkelt von einem Blödsinn zum nächsten», sagt Peter Rothenbühler. Der Deutschschweizer Journalist lebt und arbeitet inzwischen seit knapp 20 Jahren in der Romandie und weiss, wovon er spricht.

Die Genferei

Im Zusammenhang mit Mullers Ausrutscher spricht man in Genf jetzt schon von «genferei». Sprich, um seine Person hat sich schon mehr zugetan. Da war vor allem die Wohnungsaffäre: Der gut bemittelte Herr St aatsrat bewohnt mit Lebenspartnerin und zwei Kindern eine Sieben-Zimmer-Wohnung an bester Lage zum Schnäppchenpreis von 1800 Franken. Beziehungen sei Dank. Das brachte die Genfer in Rage. Und darum fragte nun das Radio im Zusammenhang mit der Handgreiflichkeit ob das «la genferei de trop» (eine Genferei zu viel) war.

All das ginge ja noch, wenn nicht sonst vieles im Argen liegt. Da liefert zum Beispiel die Genfer Polizei seit Wochen und Monaten Stoff für die öffentliche Debatte. Es rumort im Corps, angeblich ausufernde Kriminalität macht den Beamten arg zu schaffen. Im Zentrum des Sturms steht Mullers Ratskollegin, Isabelle Rochat. Viele in Genf sagen von ihr, sie sei der Aufgabe nicht gewachsen, ja gar überfordert. Rothenbühler allerdings sieht auch ihren Vorgänger, den SP-Mann Laurent Moutinot, in der Verantwortung.

Die Tücken mit dem neuen Tram

Dumm für die Genfer Liberalen, dass jetzt mit Rochat und Muller gleich ihre beiden Regierungsr äte negativ auffallen. Und dass mit Muller ein einstiger Hoffnungsträger an Schwung verliert. Allein bei dieser Partei aber ortet Rothenbühler die Probleme der Stadt nicht. Auch im linken Lager steht es nicht zum Besten, so zumindest sieht es Rothenbühler. «Auch die verantwortliche Regierungsrätin für den Öffentlichen Verkehr ist überfordert.» Gemeint ist Michèle Künzler, Grünen-Politikerin und studierte Theologin. Mit einer neuen Tramstrecke erbte sie ein Dossier, das ihr Kopfzerbrechen bereitet. In Genf muss man jetzt viel mehr umsteigen, was bei den Passagieren natürlich nicht gut ankommt. «Da waren offenbar Planer am Werk, die nicht viel Ahnung vom öffentlichen Verkehr haben», so Rothenbühler.

Der Verkehr ist ohnehin die Achillesferse der Rhonestadt. Schon längst bräuchte Genf eine Seetraverse – sei das ein Tunnel oder eine Brücke – um den Kollaps in der Innenstadt zu verhindern. Weil sich Genf aber nicht auf eine Lösungsvariante einigen k ann, steigt auch der Bundesrat nicht auf die Planung ein.

Wer hat eigentlich das Sagen?

Nicht einigen kann man sich im Übrigen zwischen dem Kanton und der Stadt Genf. Wer hat eigentlich das Sagen am südwestlichen Ende der Schweiz? «Die beiden Regierungen bekämpfen sich dauernd», erklärt Rothenbühler. Und wenn es sein muss auch mal öffentlich. Als jüngstes Beispiel nennt der Journalist die «peinlichen» Radiodebatten zwischen Stadtpräsident Pierre Maudet und dem Vorsitzenden des Staatsrats, Pierre-Francois Unger. Hier also liegt ein Grund des Genfer Übels, dass zwei Exekutiven auf dem gleichen Territorium herrschen wollen. Ein Genfer Problem natürlich, denn der Kanton ist nicht viel grösser als die Stadt. Wäre Genf nicht so reich, könnte man sich zwei Regierungen aber schon gar nicht leisten.

Aber nicht nur Hahnenkämpfe um die Macht im Land sind der Genfer Stolperstein. «Die Stadt hat ein Wachstumsproblem», erklärt Rothenbühler. Und hier hält die Politik nicht Schritt, was sich wiederum in Wohnungsnot und Verkehrsproblemen äussert. Und genau hier stockt es offenbar mit Lösungen. So schnell wird die Rhonestadt vermutlich nicht zur Ruhe kommen und sich noch so manche «Genferei» zutragen. ()

Erstellt: 23.01.2012, 15:42 Uhr

 

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03/02/2010

Roland Nef à la télévision

Standard

«Rechthaberisch, uneinsichtig, tragisch»

Von Samuel Reber. Aktualisiert um 07:30 Uhr

Ex-Armeechef Roland Nef brach nach langer Zeit sein Schweigen. Das hätte er besser bleiben lassen, sagt der langjährige Chefredaktor Peter Rothenbühler. Und nennt mehrere Gründe.

War es eine kluge Idee, nach einer langen Phase des Schweigens wieder öffentlich aufzutreten?
Nein, das hätte er besser nicht gemacht. Er will nicht mehr eine öffentliche Person sein, sagt er. Spricht dann aber eine Stunde lang mit dem besten und hartnäckigsten Interviewer der Schweiz, Markus Gilli, am Fernsehen. Zwei Sendungen mit Gilli und die graueste Maus ist berühmt. Was will er wirklich?

Er sagte mehrmals, es gehe ihm und seiner Familie sehr gut, er habe sich gefangen. Hätte er es nicht dabei belassen sollen?
Ja, aber er sagt dauernd, wie er die Sachen gerne sähe, man merkt aber, dass da ein Verzweifelter spricht, der völlig verloren ist und keinen Schritt vorwärts gemacht hat. Tragisch. Ich habe erwartet, dass er erst wieder an die Öffentlichkeit geht, wenn er positive Nachrichten zu seiner Situation bringen kann, zum Beispiel, dass er irgendwo diskret gute Arbeit leistet, meinetwegen als Magaziner oder Chauffeur oder Entwicklungshelfer, aber auf jeden Fall sollte er endlich das neue Leben, von dem er dauernd spricht, anfangen, aktiv.

Oder war das vor allem eine Bewerbungsoffensive? Wenn ja, denken Sie, dass er dank diesem Auftritt Angebote erhalten wird?
Das Gegenteil ist der Fall. Viele haben ihn vergessen, jetzt weiss man wieder, wer Nef ist und was ihm vorgeworfen wurde. Der Mann hat sein Recht auf Vergessen preisgegeben. Und er wird sich in Konflikten wieder uneinsichtig zeigen. Im Klartext: So einen Mann will niemand in verantwortungsvollen Positionen.

Würden Sie ihn im Bereich Logistik oder Sicherheit anstellen?
Warum nicht? Einfach nicht in leitender Stellung.

Wie wirkte er als Person mit seiner Gestik und Rhetorik auf Sie?
Rechthaberisch, uneinsichtig, wie alle unsicheren Persönlichkeiten.

Er machte das Angebot, sich öffentlich von einem Psychiater untersuchen zu lassen. Würden Sie ihm raten, dies in die Realität umzusetzen und die Diagnose zu veröffentlichen?
Nein, auch das würde ich ihm nicht empfehlen, er soll, wenn er schon auspacken will, genau sagen, was wirklich war mit der Ex-Freundin.

Nef stellte sich als Opfer von Medien, Justiz und Politik dar. Wurde er in Ihren Augen tatsächlich von den Medien «geschlachtet», wie er sagte?
Nein. Die Medienkampagne war nur das Resultat der Verwedelungs- und der Wegschaupolitik von Bundesrat Samuel Schmid. Medien reagieren auf nichts so brutal wie auf Lüge und Verschleierung. Ich erinnere mich genau, wie vorsichtig die «SonntagsZeitung» den Fall Nef angegangen ist, wie Chefredaktor Andreas Durisch dem VSB und Samuel Schmid Gesprächsangebote zur Klärung des Falls gemacht hat, auf die nicht eingegangen wurde.

Ist er ein Opfer der SVP geworden, die sich für die Blocher-Abwahl an Schmid rächen wollte?
Die SVP steckt nicht hinter der «SonntagsZeitung», soviel ich weiss. Aber als die Sache einmal lanciert war, hatte die SVP keinen Grund, die Fehler Schmids in der Bewältigung der Nef-Krise zu ignorieren. Nef sieht überall Täter, sich selbst sieht er als Opfer. Tragisch, wie gesagt.

Nef überlegt sich, ein Buch über seinen Fall zu veröffentlichen. Eine gute Idee?
Hey, wen interessiert das heute? Der Mann hat gar nicht gecheckt, dass er nicht mehr interessiert, denn Schmid ist weg - und er ist auch weg vom Fenster. Das Buch würde ein Flop werden, also nochmals eine Niederlage für den Mann, der sich endlich anderem zuwenden sollte. Ausserdem will er ja die spannenden Sachen, also Sex and Crime, nicht drin haben.

Was wünschen oder raten Sie Herrn Nef für die Zukunft?
Viel Glück, eine verständnisvolle Familie, sehr schnell einen Job. Und vielleicht einen guten Medienberater. ()

Erstellt: 02.02.2010, 13:24 Uhr